Januar 20, 2012

Ich dumm ein bisschen

Unser Kolumnist liest einen Text, den er nicht versteht, und fragt sich danach, wer der Dumme ist.

Von Sebastian Dalkowski

Seit dem Abitur habe ich das Gefühl, jeden Tag an geistigen Fähigkeiten einzubüßen. An der Universität zwangen mich die gelegentlichen Prüfungen und Hausarbeiten zwar, mich mehr als zwei Stunden auf ein Thema zu konzentrieren, aber schnell wurde mir klar, dass die Professoren nicht mehr als einen Blick auf die Arbeit warfen, so sie diese nicht gleich an ihre Hilfskräfte weiterreichten. Die vielen Einsen waren ja nicht Ausdruck meiner Schlauheit, sondern Taktik des Dozenten, damit ich ihn nicht mit Beschwerden belästigte. Mit dem Abschluss in der Tasche ging es dann noch rasanter abwärts. Ich arbeite ja nun nicht für den New Yorker und verabschiede mich für drei Monate aus der Redaktion, um zum Thema vegane Ernährung oder den einzigen Dirigenten in Taka-Tuka-Land zu recherchieren. Die größte Konzentrationsübung zwischen Studium und Tod ist das Autofahren. Selbst für die Steuererklärung gibt es Leute.

Um zu überprüfen, wie weit der geistige Verfall vorangeschritten ist, lese ich ab und zu ein Buch, von dem ich weiß, dass es mich fordern wird und überfordern könnte. So wie ich dann und wann zu einem Augenarzt gehe, um feststellen zu lassen, wie blind ich bin. „Lesen Sie doch mal bitte die Zahlen in der obersten Reihe vor.“ „Ähem… Motorrad, Giraffe, Handgranate, Modelleisenbahn.“

Kürzlich las ich ein Buch, das der Suhrkamp-Verlag veröffentlicht hatte. Die Leute da bringen die härtesten Sachen auf den Markt. Das Buch heißt „Ein Schritt weiter“ und ist das Best-Of eines US-Magazins namens „n+1“, das alle drei Monate erscheint, 200 Seiten dick ist und keine Bilder hat. Darin analysiert und kommentiert eine Gruppe von Eliteuni-Absolventen die Zeit, sie lassen ihre Gedanken sehr schweifen. Es fing auch gut an. Gleich der erste Satz im ersten Aufsatz lautete „In George W. Bush haben wir einen Präsidenten, für den das Ablesen von einem Teleprompter eine körperliche Strapaze ist.“ Den Satz fand ich herrlich.

Mit großer Freude machte ich mich danach an einen Essay über Radiohead, den ein junger Mann namens Mark Greif geschrieben hat, ein neuer Stern am Himmel der US-Intellektuellen. Ich verstand die Wörter, ich verstand einzelne Sätze, mehr aber nicht. Ich kann bis heute nicht sagen, worum es in dem Text geht, außer – zumindest am Rande – um Radiohead. Dabei kenne ich die Band seit mehr als zehn Jahren. Ich bin großer Fan. Aber beim Lesen kam es mir vor, als ginge es um Atomphysik.

Wie immer frage ich mich nach einem Text, den ich nicht verstehe: Bin ich dumm oder ist der Text hundertprozentiger Bullshit? Da ich ja bereits den Abbau meiner geistigen Fähigkeiten fürchte, kann ich die Schuld nicht einfach auf den Text schieben. Manche Gedanken sind einfach extrem kompliziert und lassen sich nicht einfacher ausdrücken. Es wird nie ein Buch geben, sei es noch so einfach, das mir die Relativitätstheorie erklären kann. Dazu fehlen mir einfach die Voraussetzungen. Andererseits bin ich auch nicht dumm. Deshalb kann der Aufsatz genauso gut Blendwerk sein. Weil der Autor nicht formulieren kann oder seine Gedanken Quark sind.

Es ist ein deprimierender Gedanken, dass ich das nie zweifelsfrei klären werde. Ich muss damit leben, niemals zu wissen, zu was mein Verstand noch in der Lage ist, weil ich nie weiß: Bin ich dumm oder schreibt der andere bloß Blödsinn? Dabei ist das doch eine wichtige Frage im Leben. Und nun muss ich, müssen wir, einräumen, dass wir das niemals klären können. Es hilft mir auch nicht, den schlauesten Menschen der Welt zu rufen und ihn den Text über Radiohead lesen zu lassen. Denn der, der sich dafür hält, könnte einfach nur behaupten, den Text zu verstehen, um weiter für den schlauesten Menschen der Welt gehalten zu werden. Solange es Blender gibt, können wir uns nicht sicher sein. Wir können den Leuten ja nicht einfach in die Köpfe reinschauen.

Weil ich aber mit Ungewissheit nicht leben kann, habe ich beschlossen, dass der Essay Blendwerk ist. Nicht nur, weil Texte über Musik meistens Blendwerk sind oder zumindest völlig willkürlich, sondern auch, weil man solche Bücher von Suhrkamp oder solche Zeitschriften mit 200 Seiten und ohne Bilder sowieso nur kauft, um sie ins Regal zu stellen und um dann, wenn Besuch kommt, zu sagen: „Guckt mal.“ Der Autor weiß also, dass er mit jedem Blödsinn durchkommt. Weil es ohnehin niemand liest. Da muss ich erst noch hin.

Januar 9, 2012

Es gibt nur eine Borussia… ach ne, zwei

Mit Nagetiervergleichen und dem Verweis auf unbeliebte Jünger haben die Anhänger von Borussia Mönchengladbach auf den Wechsel von Marco Reus reagiert. Unser Autor ist seit 20 Jahren Borussia-Fan und erklärt die Gefühlswelt am Niederrhein.

Von Sebastian Dalkowski

Wenn immer bei Borussia Mönchengladbach etwas Außergewöhnliches passiert, meine ich, es der Stadt anzusehen. In den vergangenen Wochen hatte ich nach jedem Sieg das Gefühl, dass die Dächer golden blitzten und die Menschen auf einmal in der Lage waren, zu lächeln, eine dem Gladbacher sonst fremde Gesichtszuckung. Nach Niederlagen regnete es grundsätzlich, die Häuser waren noch grauer als üblich und jede zweite Straßenlaterne erlosch.

Als ich am vergangenen Mittwoch, an jenem schicksalsträchtigen 4. Januar, die Abfahrt Mönchengladbach-Nord nahm, kam mir die Stadt bereits in den Außenbezirken vor wie ein an der Autobahnraststätte ausgesetzter Hund. In den Autos, die an mir vorbeifuhren, meinte ich die Menschen Sturzbäche weinen zu sehen. Immer wieder fassten sie sich an den Kopf: Bitte nein, das darf nicht wahr sein.

Mischung aus Fußballgott und Lausebengel

Es war gegen 16 Uhr, als jede Website, die nur im entferntesten mit Sport zu tun hatte, die Meldung ausspuckte, dass Marco Reus in der kommenden Saison zu Borussia Dortmund wechselt. Marco Reus, jene Mischung aus Fußballgott und Lausebengel, der gefühlt schon dafür ausersehen war, das Bronzedenkmal zu ergänzen, das sie Günter Netzer, Berti Vogts und Hacki Wimmer in der Fußgängerzone des Gladbacher Stadtteils Eicken aufgestellt haben.

Fünf Minuten später signalisierte mein Handy die Ankunft einer SMS. Ohne hinzugucken wusste ich, dass mein Bruder sie geschickt hatte. Wir haben die Handynummer des anderen ausschließlich für den Zweck gespeichert, dramatische Ereignisse bei Borussia zu kommentieren. In der Vergangenheit waren das Trainerwechsel oder Abstiege. Nun schrieb er: „Tja, so ein Dreck aber auch.“

Ich versuchte, wütend zu sein, aber es gelang mir nicht. Die Wahrheit war: Reus bei Gladbach spielen zu sehen, war, wie eine Schachtel Toffifee zu essen. Ich aß sie mit Genuss und wusste doch, dass sie sehr bald leer sein würde. Und dann blieb mir nur noch goldenes Plastik als Erinnerung.

Polyester brennt

Andere Fans hingegen nahmen es weniger gleichmütig hin. In den angeblich sozialen Netzwerken bekundete eine Minderheit, wie schade sie den Wechsel fand, bei der Mehrheit brannten allerdings die letzten noch verbliebenen Sicherungen durch. Plötzlich glaubten sie, dass Reus starke Ähnlichkeit mit einer hässlichen Ratte hatte – nur die Frisur bietet für diese Vermutung eine gewisse Grundlage – oder von einer Hure gezeugt worden sei. So wie ich 1995 mein Bravo-Sport-Poster von Heiko Herrlich verbrannte, als er seinen Wechsel zu – ja hoppla – Borussia Dortmund bekanntgab, so werden in dieser Woche am Niederrhein viele Trikots mit der Beflockung „Reus“ im Garten verbrannt worden sein. Das ist die übliche Wut-Folklore. Zum perfekten Unglück fehlte nur noch, dass Reus zu den Bayern ging.

Warum aber reagieren Fans auf Vereinswechsel mit einem derartig entschlossenen Hass, der letztlich bloß mit -1 multiplizierte Liebe ist? Es sind doch Menschen, die mit einigen Ausnahmen psychisch gefestigt schienen. Und dann das. Ein Spieler geht, und alle rasten aus.

Es ist ein Gefühl, das die Anhänger von Spitzenvereinen und vom VfL Wolfsburg nicht kennen. Dort verlassen die Spieler die Vereine nicht, sie werden ausgemustert, verjagt oder verscharrt. Für alle anderen Fans aber gilt: Nach spätestens zwei Spielzeiten als Spitzenspieler verlässt der Spitzenspieler den Verein Richtung Dortmund/Bayern/Schalke/Ausland. In Gladbach hat das Tradition: Matthäus ging, Effenberg ging gleich zweimal, Herrlich ging, Dahlin ging, Deisler ging, Jansen ging, Marin ging. Es war ein einziges Gehen, immer dann, wenn der Spieler sich gerade zu Höchstleistungen aufgeschwungen hatte und die Borussen schon wieder von einem Revival der 70er träumten.

Warum jetzt aber diese Wut?

So ein Wechsel erinnert die Fans daran, dass der eigene Klub eben doch kein Spitzenverein ist. Das ist besonders für Anhänger von Borussia Mönchengladbach eine bittere Erkenntnis, schließlich spielte das Team in der Hinrunde wie ein Spitzenverein. Doch nur so aufzutreten reicht nicht aus. Marco Reus hat das in einem Interview – vermutlich unfreiwillig – zugegeben: „Ich möchte in der kommenden Saison den nächsten Schritt machen und bei einem Verein spielen, der um die Meisterschaft mitspielt und mir die Garantie gibt, in der Champions League zu spielen. Diese Chance gibt mir Dortmund.“ Aua. Dass Dortmund architektonisch ungefähr genauso bedauernswert ist wie Mönchengladbach, wird Reus verschmerzen.

Es ist alles so banal

Seine Aussage erinnert die Fans auch daran, dass der Spieler aus einem anderen Grund beim Verein ist als der Fan selbst. Beim Fan ist es ein unerklärliches, ein Leben lang anhaltendes Gefühl der Zuneigung, das je nach Verein auch viel mit Masochismus zu tun hat. Beim Spieler hingegen ist es eine Kombination aus Geld und Karrierechancen, mit anderen Worten: Vernunft. Auf der einen Seite also das Herz, auf der anderen der Verstand. Dabei hat sich der Fan erfolgreich eingeredet, dass eben auch der Spieler mit seinem Herz am Verein hängt. Ungefähr so, wie sich der 80-Jährige Millionär einredet, dass die 20-Jährige Sexbombe ihn aus Liebe geheiratet hat.

Es ist aber niemals so, von Leuten wie Lukas Podolski abgesehen, die einfach unfähig sind, außerhalb ihres gewohnten Biotops zu überleben. Der Spitzensport ist da nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Ein Verein ist ein Unternehmen und die Spieler sind Unternehmer. Wer hätte denn nicht ein Angebot angenommen, das ihm mehr Geld, mehr Aufmerksamkeit und mehr Herausforderungen bietet? Na sicher, alle Fans, die nun mit Reus-Trikots ihren Kamin befeuern, hätten geradewegs abgelehnt und darauf beharrt, auf ewig in der niederrheinischen Hauptstadt der Schlaglöcher zu bleiben. Die Wut über Reus’ Wechsel ist auch die nicht gelinderte Enttäuschung darüber, dass die Welt eben doch furchtbar banal ist.

Ein Kollege erzählte mir kürzlich, dass Lucien Favre regelmäßig in jenem Park auf der Bank sitzt, in dem ich jogge. Seitdem hoffe ich jedes Mal, ihn dort zu treffen und mit ihm zu sprechen. Vergeblich. Ich frage mich, was er mir nach jenem schicksalsträchtigen Mittwoch gesagt hätte.

„Herr Favre, wie finden Sie denn, dass der Reus bald weg ist?“ „Sebastian“, hätte er möglicherweise gesagt, und mich mit jener Mischung aus Ernst und Verschmitztheit angesehen, zu der nur er fähig ist, „Sebastian, wir müssen weiter hart arbeiten.“ Dann wäre er aufgestanden und gegen den Wind gelaufen.

erschienen bei RP Plus/RP Online

Dezember 20, 2011

Nu Metal – wir waren ja so wütend

Um die Jahrtausendwende hielten wir die Mischung aus Metal und Rap für die Zukunft. Aus unerfindlichen Gründen existieren die wichtigsten Vertreter des Genres noch immer. Gerade haben die Urväter Korn ein neues Album veröffentlicht – leider. Zeit, den Nu-Metal endgültig zu beerdigen.

Von Sebastian Dalkowski

Es wäre niemals so weit gekommen, wenn wir damals auf diesen Typen aus North Carolina gehört hätten. Der ironische Popmusiker Ben Folds veröffentlichte im Jahr 2001 den Song „Rockin’ The Suburbs“ und machte sich darin über unsere weiße, wütende Mittelschichtmusik lustig, indem er unsere Perspektive einnahm:

„Ya’ll don’t know what it’s like // being male, middle class and white // it gets me real pissed off and it makes me wanna say fuck“

Doch wir kannten den Song nicht, wir hörten ja bloß unsere weiße wütende Musik, die wir auch Nu Metal nannten und die wir so ehrlich fanden wie sonst nur uns selbst. Damals hätten wir auf „Rockin’ The Suburbs“ bloß erwidert: „Der versteht ja so nicht, worum es uns geht.“ Heute verstehen wir es selbst nicht mehr. Das zehnte Album der Nu-Metal-Erfinder Korn ist soeben erschienen und es ist furchtbar, richtig richtig furchtbar, und wir versuchen zu begreifen, warum wir uns damals, um die Jahrtausendwende, über diese Musik definierten. Warum wir damals nicht sahen, dass die Musik so wirkte wie Filme aus den 80ern, die im Jahr 2050 spielen.

Wir wohnten in Neubaugebieten

Auf jeden Fall waren wir wütend. Wir waren verdammt wütend. Dabei ging es uns gut. Wir wohnten in Vorstädten. Wir wohnten in Neubaugebieten. Wir mussten uns keine Sorgen machen, weil unsere Eltern mindestens durchschnittlich verdienten. Wir hatten einen Bildungshintergrund. Später würden wir studieren. Unsere Freunde waren genauso wie wir. Aber das reichte uns nicht. Das langweilte uns. Wir hatten kein Problem, das war unser Problem. Also beschlossen wir, wütend zu sein. Vorsichtshalber mal auf alles. Auf die Eltern. Auf die Regeln. Auf die Heuchelei. Auf die Medien. Auf die Gesellschaft. Vor allem auf die Gesellschaft. Sie zwang uns, so zu sein, wie wir nicht sein wollten. Alle sagten uns: „Ihr müsst euch anpassen.“ Aber wir wollten uns nicht anpassen.

Da war dieser Typ, mit verfilzten langen Haaren, der hatte eine Band, die hieß Korn. Und die Musik, die sie spielten, diese Mischung aus Metal und Rap, drückte genau das aus, was wir dachten und fühlten. Er sang von Mobbing in der Schule, Depressionen, Selbstmordgedanken, über das Gefühl, anders zu sein. „Throw your hate at me with all your might! Hit me cause I’m strange. Hit me!“ Uns ging es doch genauso. Wir, die Ausgegrenzten. Wir waren anders als die anderen und wurden dafür schief angeguckt. Und das machte uns – genau: wütend.

Es kamen mehr von diesen Bands. Limp Bizkit, Deftones, Papa Roach, P.O.D., System Of A Down lieferten den Soundtrack zu unserer Wut und erklärten uns, dass wir im Grunde völlig normal waren. Die Band Slipknot brachte es für uns auf den Punkt und sang „People = shit“. Platte um Platte erschien, wir hörten uns alles tapfer an, wir glaubten an diesen Sound. So klang die Zukunft. Wir trugen schwarze Kapuzenpullover und zerschlissene Jeans. Wir verachteten Popmusik, wir verachteten das Millionenheer an Teenagern, das Britney Spears oder Christina Aguilera verehrte.

Wir übersahen, dass sich auch mit unserer Musik Millionenumsätze erzielen ließen, wir also so allein gar nicht sein konnten. Wir übersahen auch, dass unsere Helden von Korn in dem Video zur Single „Y’all Want A Single“ auf die großen Plattenfirmen schimpften, obwohl sie selbst bei einer großen Plattenfirma waren. Und wir glaubten ihnen, dass die Plattenfirma das Musikvideo hatte verändern wollen, die Band sich aber geweigert hatte. Denn unsere Musiker waren die Aufrechten. Verlogen waren nur die anderen.

Wir interessierten uns plötzlich für die Beatles

Doch dann passierte etwas – unsere Wut verschwand. Wir hatten Freundinnen. Wir machten Abitur. Wir gingen studieren. Wir belegten Seminare. Wir hatten Jobs bei Versicherungen und Banken. Wir merkten, dass die Welt es doch grundsätzlich nicht böse mit uns meinte. Dass nicht alles, was wir für verlogen hielten, auch verlogen war. Wir kauften bei Peek & Cloppenburg Hemden und Hosen. Wir hörten Musik mit Melodien. Wir interessierten uns plötzlich für die Beatles und Tom Waits. Manche sogar für Coldplay.

Als kürzlich das neue Korn-Album erschien, waren wir überrascht. Dass diese Band noch genug Platten für eine Chartplatzierung verkauft. Dass es diese Band überhaupt noch gibt. Es gibt diese Bands sogar alle noch, auch wenn das Genre keine Bedeutung mehr hat. Limp Bizkit verkaufen bloß keine Platten mehr, Papa Roach („Last Resort“) auch nicht, obwohl sie so tapfer versuchen, nicht mehr nach Nu Metal zu klingen, sondern bloß nach schrottiger Rockmusik, Linkin Park verkaufen tatsächlich noch immer Millionen von Alben, aber nicht mit Nu-Metal, sondern mit leicht computerisierter Pathospopmusik. Nicht einmal das unsägliche One-Hit-Wonder „Staind“ („It’s Been A While“) hatte den Anstand, sich aufzulösen.

Und dann ist da noch Korn. Sänger Jonathan Davies ist nun 40. Er trägt noch immer lange verfilzte Haare. Auf dem neuen Album singt er Songs mit Titeln wie „Kill Mercy Within“, „Bleeding Out“ und „Narcissistic Cannibal“. Im letztgenannten Stück lautet eine Zeile: „Sometimes, I hate the life, I made. Everything’s wrong every time.“ Er hat Millionen verdient. Er ist genau so wenig wütend wie wir, aber wir haben nicht den Fehler gemacht und unser Geschäftsmodell darauf aufgebaut.

erschienen in RP Plus (Dezember 2011)

Dezember 12, 2011
Dezember 9, 2011

Ich war drei Tage offline, die Welt will, dass ich darüber schreibe

Unser Kolumnist fragt sich, warum alle Bücher nur noch davon handeln, wie es Deutschen als Lehrer oder in Finnland ergeht.

Von Sebastian Dalkowski

Zu den schlimmsten Ideen des deutschen Buchhandels gehört es, die minderwertigen Titel am prominentesten zu platzieren. Wer durch das Erdgeschoss* einer Buchhandlung geht, fragt sich nicht, wann das Abendland untergehen wird, sondern, wann es untergegangen ist. Es ist dort neben dem neuen Roman von Frank Schätzing** und Axtmorden aus Skandinavien nur ein weiteres Genre vertreten: der Erfahrungsbericht.

Menschen schreiben darüber, dass sie bei den Hells Angels waren. Bei Quizshows. Ein halbes Jahr offline. Polnische Putzfrau in Deutschland. Kellner. Lehrer. Weiblicher ADAC-Engel. Morgens Polizist, abends Hooligan. Sanitäter. Oder einfach in einem anderen Land. „Die spinnen, die Finnen“ und „Finnen von Sinnen.“ Herzlichen Glückwunsch! Sie haben es geschafft, in ein anderes Land zu reisen. Bitte schreiben Sie doch unbedingt ein Buch darüber. Gerne auch mit „gnadenloser Selbstironie“. Niemals hätte Hape Kerkeling seine Erlebnisse auf dem Jakobsweg aufgeschrieben, wenn er gewusst hätte, welchen Trend er damit auslösen würde.

Diese Erlebnisaufsätze nehmen nicht deshalb die Hälfte einer Buchhandlung ein, weil sie einen literarischen Wert hätten. Das ist für eine Buchhandlung eine völlig irrelevante Kategorie. Sie verkaufen sich einfach nur wie bescheuert, weil sie die Bedürfnisse aller Beteiligten befriedigen. Der Autor kann das Erlebte ungeheuer aufwerten, wenn er es als Buch veröffentlicht. Der Verlag muss sich nicht mit durchgeknallten und sensiblen Schriftstellerseelen herumplagen, die immer noch vier Monate mehr Zeit wollen, sondern haben es mit bodenständigen Berufsgruppen und anspruchslosen Ghostwritern zu tun. Und der Leser erhält einen kurzweiligen Einblick in eine fremde Welt, der weder Verstand noch Weltbild strapaziert.

Die Buchbranche denkt aber bereits einen Schritt weiter. Weil bald alle Schaffner, Skilehrer und LKW-Fahrer ein Buch geschrieben haben, beginnen nun auch die Angehörigen der Betroffenen, ihre Erlebnisse für druckrelevant zu halten. Kürzlich stieß ich in einer Filiale auf das Buch „Lehrerkind – lebenslänglich Pausenhof“. Dort erzählte ein Bastian Bielendorfer mit gnadenloser Selbstironie usw. Bald also zu erwarten: „Kickerkind – lebenslänglich Abseits“. „Politikerblag – für immer Wahlkampf“. „Die spinnen, die Finnen, mein Sohn aber auch, denn er wohnt dort und schreibt ein Buch darüber“.

Ich werde auch ein Buch schreiben. Ein minderwertiges zwar, aber besser ein minderwertiges im Buchhandel, als ein großartiges in der Schublade. Meine Mutter ist Kindergärtnerin, und ich bin ihr Kind. Was bedeutet, dass ich eine Kindergärtnerin zur Mutter habe. Dass sie eine Kindergärtnerin ist, hat mich gar nicht so sehr geprägt, aber dafür gibt es in der Unterhaltungsliteratur ja das Mittel der Überspitzung. Immer schön an den Leser denken, damit der Leser nicht denken muss.

Einen Arbeitstitel habe ich bereits: „Lebenslänglich Urinale in 50 Zentimetern Höhe“. Das erste Kapitel handelt davon, dass meine Mutter es gar nicht gerne mag, dass ich sie Kindergärtnerin nenne. Korrekt heiße es Erzieherin. Und dann sage ich, dass das Wort Kindergärtnerin doch so schön sei, so poetisch. Erzieherin hingegen klinge eher nach Fräulein Rottenmeier. Daraufhin sagt meine Mutter, ich sei so ein Klugscheißer, ich müsse ein Lehrerkind sein. Nein, sage ich, dazu fehlt mir die gnadenlose Selbstironie.

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* Die Bestückung des Erdgeschosses in einer Buchhandlung sagt mehr über den Zustand der deutschen Kultur aus als ein Blick in die Fernsehzeitung. Nur, was im Erdgeschoss liegt, wird auch verkauft. Je schlimmer also die dortige Auswahl, desto schlimmer Deutschland. Die einzigen, die noch in eine andere Etage fahren, sind Studenten. Weil sie müssen. Denn die wissenschaftlichen Bücher stehen stets in der obersten Etage.

** Ja, Frank Schätzing hat für seine Bücher ganz viel recherchiert und es ist alles so realistisch und so überhaupt nicht weit hergeholt bla bla bla wenn ich die Realität sehen will, gucke ich aus dem Fenster oder schaue mir die Zusammensetzung des Sortiments im Erdgeschoss einer Buchhandlung an.